Disziplinarrecht im öffentlichen Dienst

Disziplinarrecht im öffentlichen Dienst Dirk Lenders Leitfaden für die Praxis mit Beispielen und Mustern $XʴDJH

Fehlerfrei durch das Verfahren Dieses Praxis-Handbuch liefert für alle Beteiligten – dem Dienstvorgesetzten, dem Ermittlungsführer, dem Personalrat und dem beschuldigten Beamten – eine Einführung in das Disziplinarrecht. Vom Bundesrecht abweichende landesrechtliche Besonderheiten sind berücksichtigt. Anhand zahlreicher Beispiele und der einschlägigen Rechtsprechung werden das behördliche und gerichtliche Verfahren dargestellt. Zu den einzelnen Handlungsmöglichkeiten werden entsprechende Muster bereitgestellt. • Einleitung des Disziplinarverfahrens • Aufgaben des Ermittlungsführers • Gang der Zeugenvernehmung • Aufbau des Ermittlungsberichts • Abschlussentscheidung des Dienstvorgesetzten • Beteiligung des Personalrats • Verteidigungsmöglichkeiten des Beschuldigten *HVHW]OLFKH *UXQGODJH GLHVHU ]ZHLWHQ $XʴDJH LVW GDV 'LV]LSOLQDUUHFKW GHV %XQGHV in der Fassung vom 1. April 2024 unter Berücksichtigung der Änderungen durch das „Gesetz zur Beschleunigung von Disziplinarverfahren in der Bundesverwaltung“. Dirk Lenders, Rechtsanwalt, langjährige beratende und forensische Tätigkeit auf dem Gebiet des Dienstrechts, als Sachverständiger beteiligt am Gesetzgebungsverfahren zum Dienstrechtsneuordnungsgesetz, zahlreiche Veröffentlichungen zum Dienstrecht, Sozius in der Kanzlei Lenders & Kollegen, St. Augustin. ISBN 978-3-8029-1831-5 € 49,95 [D] www.WALHALLA.de WISSEN FÜR DIE PRAXIS • AKTUELL • PRAXISGERECHT • VERSTÄNDLICH

www.WALHALLA.de 5 Gesamtinhaltsübersicht Vorwort ............................................................................................... 14 Abkürzungsverzeichnis ..................................................................... 17 Funktionen des Disziplinarrechts .................................................... 21 1. Allgemeines .................................................................................... 22 2. Wahrung der Funktionsfähigkeit des öffentlichen Dienstes ...... 22 3. Die Erziehungsfunktion ................................................................. 23 Die Änderungen zum Bundesdisziplinargesetz ............................ 25 1. Die Rechtsgrundlagen ................................................................... 26 2. Folgeänderungen . ......................................................................... 28 3. Neues Tatbestandsmerkmal „Volksverhetzung“ ......................... 29 4. Ziel des geänderten Bundesdisziplinargesetzes .......................... 34 5. Landesdisziplinargesetze ............................................................... 35 Das Dienstvergehen .......................................................................... 39 1. Innerdienstliches/Außerdienstliches Dienstvergehen .................. 40 2. Definition des Dienstvergehens .................................................... 43 3. Die einzelnen Dienstpflichten ....................................................... 44 4. Das Verschulden ............................................................................. 85 5. Rechtswidrigkeit ............................................................................ 88 6. Schuld ............................................................................................. 90 7. Keine Unterscheidung zwischen Täterschaft und Teilnahme ..... 91 8. Kein Versuch eines Dienstvergehens ............................................ 91 9. Dienstvergehen/Bagatellverfehlungen . ....................................... 93 Einheit des Dienstvergehens ........................................................... 95 1. Bedeutung des Grundsatzes der „Einheit des Dienst- vergehens“ ..................................................................................... 96 2. Einschränkungen dieses Grundsatzes; geänderte Rechtsprechung des BVerwG ........................................................ 96

6 www.WALHALLA.de Gesamtinhaltsübersicht 3. Können unbekannte Verfehlungen nach Abschluss des Verfahrens noch nachträglich verfolgt werden? ................ 99 4. Bekannte frühere Pflichtenverstöße, die in kein Disziplinar- verfahren einbezogen wurden ................................................... 99 5. E inheit des Dienstvergehens/Verfolgungsverjährung/ Maßnahmeverbot ........................................................................ 101 6. Bestandskraft einer Disziplinarmaßnahme/ Rechtskraft einer gerichtlichen Disziplinar- entscheidung ................................................................................ 102 Das Legalitätsprinzip ....................................................................... 105 1. Das Legalitätsprinzip als Einleitungspflicht bzw. Dienstpflicht zur Einleitung ............................................................................... 106 2. Verspätete Einleitung .................................................................. 107 Verwaltungsermittlungen .............................................................. 117 1. Die Bedeutung der Verwaltungsermittlungen .......................... 118 2. Vorermittlungen oder Einleitungsverfügung? .......................... 119 Das behördliche Disziplinarverfahren .......................................... 121 1. Das Disziplinarverfahren auf Ebene der Disziplinarbehörde ...... 122 2. Einleitung des Disziplinarverfahrens .......................................... 127 3. Einleitungsvermerk/Einleitungsverfügung ................................. 129 4. Einleitungsverfügung .................................................................. 132 5. Einleitung des Disziplinarverfahrens auf Antrag des Beamten ................................................................................. 136 6. Disziplinare Vorermittlungen ...................................................... 143 Grundsatz der Beschleunigung ..................................................... 145 Beschleunigungsgebot ...................................................................... 146 Pflicht zur Durchführung der Ermittlungen, Ausnahmen ......... 151 1. Welche Ermittlungen sind erforderlich? .................................... 152 2. Schriftliche Zeugenvernehmung ................................................. 153

www.WALHALLA.de 7 Gesamtinhaltsübersicht 3. Teilnahmerecht des Beamten und des Bevollmächtigten bei der Beweiserhebung .................................................................... 154 4. Ausnahmen von der Ermittlungspflicht ..................................... 157 Ausdehnung und Beschränkung ................................................... 169 Dauer des Verfahrens ........................................................................ 170 Die einzelnen Disziplinarmaßnahmen ......................................... 173 1. Die Neuregelung des § 13 Abs. 1 und Abs. 2 BDG ..................... 174 2. Die Disziplinarmaßnahmen in § 5 Abs. 1 BDG ........................... 175 3. Verweis ......................................................................................... 175 4. Geldbuße ...................................................................................... 179 5. Kürzung der Dienstbezüge ......................................................... 180 6. Kürzung der Ruhestandsbezüge ................................................. 182 7. Aberkennung des Ruhegehalts ................................................... 182 8. Zurückstufung .............................................................................. 183 9. Die Entfernung aus dem Dienst .................................................. 185 Was ist aus Sicht des Dienstvorgesetzten bzw. der in seinem Auftrag tätigen Ermittlungsführer zu beachten? ....................... 189 1. Der Ermittlungsführer und die Beweiserhebung (im Konkreten) im behördlichen Disziplinarverfahren ............. 190 2. Die erforderlichen Beweise ......................................................... 190 3. Einholung schriftlicher dienstlicher Auskünfte .......................... 192 4. Zeugen und Sachverständige ...................................................... 192 5. Der Ermittlungsführer und die Beweiserhebung durch Zeugenvernehmung .......................................................... 193 6. Untersuchungsergebnis/Ermittlungsbericht und abschließende Anhörung ..................................................................................... 214 7. Muster für das Anschreiben der Schlussanhörung zum Ermittlungsbericht ............................................................... 216 8. Muster für den Aufbau eines Untersuchungsergebnisses/ Ermittlungsberichts ...................................................................... 217

8 www.WALHALLA.de Gesamtinhaltsübersicht 9. Abschlussentscheidung ................................................................ 221 10. Die Disziplinarverfügung ............................................................ 227 Ablauf und Muster zum behördlichen Disziplinarverfahren ...... 235 1. Prüfung der vorliegenden Verdachtsmomente ......................... 236 2. Vorermittlungsverfahren ............................................................. 236 3. Einleitungsvermerk des Dienstvorgesetzten .............................. 236 4. Einleitungsverfügung .................................................................. 237 5. Beauftragung einer die Ermittlung führenden Person ............. 237 6. Durchführung der Ermittlungen durch den Ermittlungs- führer ............................................................................................ 238 7. Die Ladung und Vernehmung von Zeugen; Anhörung des Beamten ................................................................................. 239 8. Erstellung des „wesentlichen Ergebnisses der Ermittlungen“ ....................................................................... 242 9. Anhörung des Beschuldigten nach Beendigung der Ermittlungen ......................................................................... 245 10. Weitere Schritte ........................................................................... 245 11. Abschlussvermerk ........................................................................ 245 12. Die Entscheidung des Dienstvorgesetzten ................................. 246 Maßnahmebemessung ................................................................... 247 1. Bemessungskriterien für die Disziplinarmaßnahme .................. 248 2. Bestimmung des Disziplinarmaßes bei innerdienstlich und außerdienstlich begangenen Dienstvergehen bei gleichzeitiger Verwirklichung eines Straftatbestands ................ 251 3. Notwendige Differenzierung zwischen einem inner- dienstlichen und einem außerdienstlichen Dienstvergehen ....... 258 4. Begehung einer Dienstpflichtverletzung ohne gleichzeitiges Begehen eines Strafdelikts .......................................................... 261 5. Weitere allgemeine Grundsätze für die Bemessung der Disziplinarmaßnahme ........................................................... 262 6. Gebot der erschöpfenden Sachaufklärung ................................ 262 7. Allgemeine Bemessungsgrundsätze ........................................... 263

www.WALHALLA.de 9 Gesamtinhaltsübersicht 8. Einzelne Milderungsgründe ........................................................ 265 9. Die Erschwernisgründe ................................................................ 280 10. Muster Disziplinarverfügung ...................................................... 282 Erhebung der Disziplinarklage ...................................................... 285 1. Grundsätzliches ............................................................................ 286 2. Beteiligung der Personalvertretung, der Vertrauensperson der schwerbehinderten Menschen sowie Beteiligung der Gleichstellungsbeauftragten ................................................ 289 3. Nachtragsdisziplinarklage ........................................................... 295 4. Bindungswirkung an tatsächliche Feststellungen ..................... 296 5. Darstellung des persönlichen und beruflichen Werdegangs des Beamten ................................................................................. 297 6. Schilderung des Gangs des Disziplinarverfahrens in der Disziplinarklage ..................................................................... 298 7. Schilderung des vorgeworfenen Sachverhalts ........................... 299 8. Beweismittel ................................................................................. 300 9. Rechtliche Würdigung des Dienstvergehens ............................. 300 10. Rechtshängigkeit der Disziplinarklage ....................................... 301 Einleitungshindernisse .................................................................... 303 1. Einleitungshindernis bei Vorliegen eines Maßnahmeverbots ...... 304 2. Das absolute und relative Maßnahmeverbot nach § 14 Abs. 1 BDG ............................................................................ 304 3. Ausspruch einer Missbilligung .................................................... 307 4. Die Bewertung des disziplinarischen Überhangs ....................... 308 5. Disziplinarmaßnahmeverbot wegen Zeitablaufs, § 15 BDG ..... 309 Verhältnis des behördlichen Disziplinarverfahrens zum Straf- verfahren oder anderen Verfahren, Aussetzung ........................ 313 1. Das Zusammentreffen von Disziplinarverfahren und Straf- verfahren oder anderen Verfahren ............................................ 314 2. Aussetzung des Disziplinarverfahrens ........................................ 314

10 www.WALHALLA.de Gesamtinhaltsübersicht 3. A ussetzung des Disziplinarverfahrens wegen Vorgreiflichkeit ..... 315 4. Aussetzung bei einem anderen gesetzlich geordneten Verfahren ...................................................................................... 316 Die Bindung an die tatsächlichen Feststellungen in anderen Verfahren .......................................................................................... 321 1. Bindungswirkung an tatsächliche Feststellungen aus Straf- verfahren oder anderen Verfahren, § 23 Abs. 1 BDG ................ 322 2. Bindung der Disziplinargerichte an tatsächliche Feststellungen in Strafurteilen ............................................................................. 326 Zulässigkeit von Disziplinarmaßnahmen nach Straf- oder Bußgeldverfahren ............................................................................ 329 1. Das Maßnahmeverbot ................................................................. 330 2. Folgen des Maßnahmeverbots .................................................... 338 3. Zulässigkeit der missbilligenden Äußerung trotz Maßnahmeverbot ........................................................................ 339 4. Disziplinarmaßnahmeverbot wegen Zeitablaufs ....................... 340 Die Verfahrensbeteiligten im behördlichen Disziplinar- verfahren ........................................................................................... 345 1. Der Ermittlungsführer ................................................................. 346 2. Die beschuldigten Beamten ........................................................ 347 3. Der Bevollmächtigte bzw. Beistand ............................................ 352 4. Der Personalrat/Betriebsrat ......................................................... 353 5. Beteiligung der Gleichstellungsbeauftragten ............................ 358 6. Beteiligung der Vertrauensperson der schwerbehinderten Menschen sowie der Gleichgestellten nach § 178 Abs. 2 Satz 1 SGB IX ................................................................................ 360 Unterrichtung des Beamten; Wahrheitspflicht ........................... 363 1. Unverzügliche Unterrichtung über die Einleitung des Disziplinarverfahrens ................................................................... 364 2. Pflicht zur wahrheitsgemäßen Aussage ..................................... 364 3. Einschränkung der beamtenrechtlichen Wahrheitspflicht ........ 366 4. Keine falsche Belehrung! ............................................................ 370

www.WALHALLA.de 11 Gesamtinhaltsübersicht Nachtragsdisziplinarklage .............................................................. 371 1. Gegenstand .................................................................................. 372 2. Verfahren . .................................................................................... 372 Mängel des behördlichen Disziplinarverfahrens oder der Disziplinarklageschrift ............................................................. 373 1. Einleitung ..................................................................................... 374 2. Anzeige durch den Beamten ...................................................... 374 3. Der Mangel . ................................................................................. 375 4. Fristsetzung für Mängelbeseitigung .......................................... 379 Klageerwiderung des Beamten ..................................................... 381 1. Mängel des Verfahrens oder der Klageschrift ........................... 382 2. Geständnis .................................................................................... 382 Vorläufige Dienstenthebung und Einbehaltung von Bezügen ..................................................................................... 383 1. Vorläufige Dienstenthebung . ..................................................... 384 2. Einbehaltung von Dienstbezügen .............................................. 393 3. Rechtsschutz ................................................................................. 396 Verbot der Führung der Dienstgeschäfte .................................... 399 1. Führung der Dienstgeschäfte ...................................................... 400 2. Rechtsstellung des Beamten ....................................................... 400 Zeuge und Aussagepsychologie .................................................... 401 1. Ziel der Zeugenvernehmung ....................................................... 403 2. Vernehmungsbedingungen . ....................................................... 403 3. Art der Vernehmung ................................................................... 403 4. Aussageverhalten . ....................................................................... 403 5. Dokumentation der Vernehmung .............................................. 404 6. Vernehmungsbedingungen . ....................................................... 404 7. Wartezeiten . ................................................................................ 404

12 www.WALHALLA.de Gesamtinhaltsübersicht 8. Ort der Vernehmung ................................................................... 404 9. Dauer der Vernehmung ............................................................... 405 10. Anwesenheit Dritter bei der Vernehmung ................................ 405 11. Anwesenheit des Beschuldigten bei der Vernehmung des Zeugen ................................................................................... 405 12. Durchführung der Vernehmung ................................................. 405 13. Spezialkenntnisse ......................................................................... 406 14. Subjektive Einschätzung des Erkennens von Täuschungen ...... 407 15. Aussagepsychologische Kenntnisse ............................................ 407 16. Kommunikationsprozess zwischen Fragendem und Befragtem ............................................................................. 407 17. Bluffen .......................................................................................... 408 18. Informatorisches Vorgespräch .................................................... 408 19. Belehrung zur Wahrheit, § 57 StPO ............................................ 408 20. Angaben zur Person .................................................................... 409 21. Belehrung nach § 52 StPO ........................................................... 409 22. Belehrung nach § 55 StPO ........................................................... 409 23. Unterrichtung über den Untersuchungsgegenstand ................ 409 24. Aufzeichnungen des Zeugen als Gedächtnisstütze ................... 410 25. Vernehmung und Protokollierung ............................................. 410 26. Weitschweifiger Zeuge ................................................................ 411 27. Schwerfälliger Zeuge ................................................................... 411 28. Befragung .................................................................................... 411 29. Keine Entschuldigung über die Frage ........................................ 411 30. Energischer Ton ............................................................................ 411 31. Peinliche/vorwurfsvolle Fragen ................................................... 412 32. Chance zur Korrektur lassen ....................................................... 412 33. Körpersprache während der Befragung .................................... 412 34. Trichtertechnik ............................................................................. 412

www.WALHALLA.de 13 Gesamtinhaltsübersicht Vorschriften ...................................................................................... 413 Bundesdisziplinargesetz (BDG) ......................................................... 414 Bundesbeamtengesetz (BBG) ............................................................ 437 Gesetz zur Regelung des Statusrechts der Beamtinnen und Beamten in den Ländern (Beamtenstatusgesetz – BeamtStG) .......................................................................................... 439 Strafprozeßordnung (StPO) .............................................................. 440 Strafgesetzbuch (StGB) ...................................................................... 442 Literaturverzeichnis ......................................................................... 444 Stichwortverzeichnis ....................................................................... 445

14 www.WALHALLA.de Vorwort Das Disziplinarrecht regelt die Frage, wann ein Dienstvergehen von Beamten begangen wurde, wie es aufgeklärt werden muss und welche disziplinare Reaktion darauf zu erfolgen hat. Es ist ein Bestandteil des Beamtenrechts, sodass sich die Beantwortung überwiegend vom jeweils geltenden Beamtenrecht ergibt. Das Disziplinarrecht erfüllt zum einen eine Ordnungsfunktion. Es soll einer durch ein Dienstvergehen bedingten Störung des öffentlich-rechtlichen Dienst- und Treueverhältnisses mit dem Ziel begegnen, die Funktionsfähigkeit des öffentlichen Dienstes sowie die Leistungsfähigkeit des Be- amtentums zu erhalten und sein Ansehen zu wahren. Art. 33 Abs. 4 GG sichert die Kontinuität hoheitlicher Funktionen des Staates, indem er als Regel vorsieht, dass ihre Ausübung Beamten übertragen wird, verbietet jedoch nicht generell, dafür auch Arbeitnehmer einzusetzen.1 Dies bedingt, dass mit der Ausübung genuin hoheit- licher Befugnisse in erster Linie Beamte beim Bund, in den Ländern und in den Kommunen zu beauftragen sind. Hoheitliche Tätigkeiten sind solche Aufgaben, deren Erfüllung dem Staat kraft öffentlichen Rechts obliegen. Sie werden durch unmittelbare (Bundes- und Landesbehörden) und mittelbare Staatsverwaltung (Kommunen, be- rufsständische und sonstige Körperschaften sowie Anstalten und Stiftungen des öffentlichen Rechts, ferner auch beliehene Private, wie z. B. bei den bevollmächtigten Bezirksschornsteinfegern) erfüllt. Zu den genuinen hoheitlichen Befugnissen gehört nicht die Tätigkeit einer Lehrerin oder eines Lehrers „an der Tafel“.2 Die Bindung durch das besondere Dienst- und Treueverhältnis bei den Beamten stellt ein gesteigertes Maß an Verlässlichkeit sicher. Denn für die Ausübung der besonders sensiblen „hoheitsrechtlichen Befugnisse“ eingesetzte Beamte sind etwa durch das Disziplinarrecht in besonderer Weise an Recht und Gesetz gebunden. Diese gesetzmäßige Verwaltung zu erhalten und zu sichern, ist nach wie vor die Aufgabe des Disziplinarrechts. Das Disziplinarrecht ist kein Strafrecht. Es unterscheidet sich schon dadurch vom Strafrecht, dass es auf einer besonderen Bindung, dem öffentlich-rechtlichen bzw. beamtenrechtlichen Dienst- und Treueverhältnis, beruht. Demgegenüber ist eine Staatsbürgerin rein der allgemeinen Rechtsordnung unterworfen. Das Strafrecht zielt auf 1 Badura in: Maunz, Dürig, Herzog, Grundgesetz, Art. 33 Rn. 51. 2 BVerwG, Urt. v. 27.02.2014 – 2 C 1/13.

www.WALHALLA.de 15 Vorwort Vergeltung und Sühne hinsichtlich des begangenen Rechtsbruchs ab. Demgegenüber geht es im Disziplinarrecht um die Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit des öffentlichen Dienstes und es soll die weitere Einsatzfähigkeit der betroffenen Beamten sichern, und zwar durch eine überwiegend individuelle und vereinzelt erforderliche generalpräventive Einwirkung. Nur wenn dies aufgrund der Schwere des Dienstvergehens und der Persönlichkeit des Beamten nicht ausreicht, so kommt zum Erhalt der Funktionalität der Verwaltung die Lösung des Beamtenverhältnisses in Betracht. Der im Strafrecht deutlich in den Vordergrund getretene Gedanke der Resozialisierung findet sich im Disziplinarrecht nur im Rahmen der pflichtenmahnenden Maßnahmen unter dem Gesichtspunkt der Rehabilitation (Bewährung) wieder. Die allgemein im Strafrecht bekannten Institute wie Fortsetzungszusammenhang, Tateinheit – Tatmehrheit, Teilnahme, Versuch sind im Disziplinarrecht ohne Bedeutung. Im Unterschied zum Strafrecht führen die Verjährungsregelungen im Disziplinarrecht nicht zu einem Verfolgungsverbot, sondern nur zu einem Maßnahmeverbot und einzelne Pflichtverletzungen sind der Verjährung nicht unterworfen. Die Anwendung des Rechtsinstituts der Verwirkung wird für das Disziplinarrecht grundsätzlich abgelehnt. Allerdings findet Art. 6 der Europäischen Menschenrechtskonvention3 (Recht auf ein faires Verfahren) im Falle einer erheblichen Verfahrensverzögerung auch im Disziplinarrecht Anwendung, wenn nicht die Entfernung des Beamten oder die Aberkennung des Ruhegehalts notwendig werden.4 So wie sich das Beamtenrecht ändert, so verändert sich auch das Disziplinarrecht. So ist ein außerdienstliches Verhalten nur noch eingeschränkt verfolgbar (§ 77 Abs. 1 Satz 2 BBG bzw. § 47 Abs. 1 Satz 2 BeamtStG). Dies trägt den Wertungen des Grundgesetzes und dem gewandelten Verständnis über die Stellung der Beamten in der Gesellschaft Rechnung. Es wird von Beamten heute kein wesentlich anderes Verhalten als von Staatsbürgern erwartet. Es geht vielmehr allein um das Vertrauen in eine objektive, rechtmäßige und effiziente Aufgabenerfüllung. Weitere Änderungen hinsichtlich des Rechte- und auch Pflichtenkatalogs können sich im Zusammenhang mit dem Streikrecht für 3 Lenders, Beamtengesetze, S. 35 ff. 4 BVerwG, Urt. v. 25.07.2013 – 2 C 63.11, BVerwGE 147, 229.

16 www.WALHALLA.de Vorwort Beamten ergeben.5 Die partiell beabsichtigten Hiebe gegen das Berufsbeamtentum entstammen egozentrischen Motiven. Wer als Beamter streiken möchte, der kann dies in seiner Privatzeit oder während des genehmigten Urlaubs machen. Wer das Beamtenrechtsverhältnis ohne ein Streikrecht für sich unzumutbar erachtet, dem steht es frei, die Entlassung zu beantragen. Das Disziplinarrecht erfüllt überdies eine Schutzfunktion zugunsten der Beamten. Es gewährleistet, dass das Beamtenverhältnis gegen den Willen eines Beamten nur bei Nachweis eines schweren Dienstvergehens, nicht aber aus anderen Gründen beendet werden kann. Die Begründung des Beamtenverhältnisses auf Lebenszeit ist ein wesentlicher hergebrachter Grundsatz des Berufsbeamtentums (Art. 33 Abs. 5 GG). Das Disziplinarrecht unterscheidet sich daher deutlich vom arbeitsrechtlichen Verfahren zur Verfolgung von Pflichtverletzungen von Tarifkräften. Durch Art. 1 des Gesetzes zur Beschleunigung von Disziplinarverfahren in der Bundesverwaltung und zur Änderung dienstrechtlicher Vorschriften wurde das für Bundesbeamte einschlägige Bundesdisziplinargesetz geändert und dabei insbesondere zum 01.04.2024 die Möglichkeit geschaffen, Bundesbeamte nicht mehr durch Disziplinarurteil, sondern jetzt einfach und schneller durch Verwaltungsakt aus dem Dienst zu entfernen. Für Landes- und Kommunalbeamte gilt diese Vorschrift nicht.6 Die Änderung des Bundesdisziplinargesetzes zum 01.04.2024 sowie die Fortentwicklung der Rechtsprechung, insbesondere des Bundesverwaltungsgerichts, geben genügend Anlass für die 2. Auflage. Dirk Lenders Im gesamten Text steht die männliche Form stellvertretend für Personen beiderlei Geschlechts. 5 BVerfG, Urt. v. 12.06.2018 – 2 BvR 1738/12, 2 BvR 1395/13 sowie 2 BvR 1068/14, 2 BvR 646/15; BVerwG, Urt. v. 27.02.2014 – 2 C 1/13. 6 BGBl. 2023 I Nr. 389.

384 www.WALHALLA.de Vorläufige Dienstenthebung und Einbehaltung von Bezügen 1. Vorläufige Dienstenthebung Der Dienstherr kann unter den Voraussetzungen der §§ 38, 39 BDG eine vorläufige Suspendierung aussprechen sowie nach § 38 Abs. 2 und Abs. 3 BDG Dienstbezüge in Höhe von 50 Prozent bzw. 30 Prozent einbehalten. Die Vorschriften über die vorläufige Dienstenthebung und die Einbehaltung der Dienstbezüge gelten für die Beamten auf Probe und auf Widerruf entsprechend. Im Vorfeld kann auch ein Verbot der Führung der Dienstgeschäfte (§ 66 BBG; § 39 BeamtStG) ausgesprochen werden. Hiernach kann Beamten aus zwingenden dienstlichen Gründen die Führung der Dienstgeschäfte verboten werden. Bei schweren disziplinaren Vorwürfen (wie des möglichen Verstoßes gegen Sexualstrafdelikte oder bei Korruption) liegen zwingende dienstliche Gründe vor. Sie können auch darin begründet sein, dass der betroffene Beamte die Ermittlungen erschwert. Das Verbot der Führung der Dienstgeschäfte erlischt, wenn nicht bis zum Ablauf von drei Monaten gegen den Beamten ein Disziplinarverfahren oder ein sonstiges auf Rücknahme der Ernennung oder auf Beendigung des Beamtenverhältnisses gerichtetes Verfahren eingeleitet worden ist. Dies ist zu beachten. Die vorläufige Dienstenthebung kann nur gleichzeitig mit oder nach der Einleitung eines Disziplinarverfahrens nach § 38 Abs. 1 Satz 1 BDG erfolgen. Vorläufige Suspendierung (Dienstenthebung) Einbehalt von Bezügen/Ruhegehalt Bund § 38 Abs. 1 § 38 Abs. 2 und 3 Bund alt i. d. F. vom 09.07.2001/BGBl. I. S. 1510) § 38 Abs. 1 § 38 Abs. 2 und 3 Baden-Württemberg § 22 Abs. 1 § 22 Abs. 2 und 3 Bayern Art. 39 Abs. 1 Art. 39 Abs. 2 und 3 Berlin § 38 Abs. 1 § 38 Abs. 2 und 3 Brandenburg § 38 Abs. 1 § 38 Abs. 2 und 3

www.WALHALLA.de 385 1. Vorläufige Dienstenthebung Vorläufige Suspendierung (Dienstenthebung) Einbehalt von Bezügen/Ruhegehalt Bremen § 38 Abs. 1 § 38 Abs. 2 bis 4 Hamburg §§ 37, 39 §§ 38, 39 Hessen § 43 Abs. 1 § 43 Abs. 2 bis 4 Mecklenburg-Vorpommern § 40 Abs. 1 bis 2 § 40 Abs. 3 Niedersachsen § 38 Abs. 1 § 38 Abs. 2 bis 4 Nordrhein-Westfalen § 38 Abs. 1 § 38 Abs. 2 bis 4 Saarland § 38 Abs. 1 § 38 Abs. 2 bis 4 Sachsen § 38 Abs. 1 § 38 Abs. 2 bis 4 Sachsen-Anhalt § 38 Abs. 1 § 38 Abs. 2 bis 4 Schleswig-Holstein § 38 Abs. 1 Satz 1, Abs. 2 § 38 Abs. 1 Satz 2-4 Thüringen § 42 Abs. 1 bis 4 § 43 Abs. 1 bis 3 Die Vorschrift des § 38 Abs. 1 Satz 1 BDG gleicht der Vorschrift des § 22 Abs. 1 Satz 1 LDG BW. Nach allen übrigen Landesdisziplinar- gesetzen kann die für die Erhebung der Disziplinarklage zuständige Behörde einen Beamten gleichzeitig mit oder nach der Einleitung des Disziplinarverfahrens vorläufig des Dienstes unter den dort jeweils genannten Voraussetzungen entheben. Sofern im Anwendungsbereich des BDG oder der Landesdisziplinargesetze somit eine vorläufige Suspendierung vor Einleitung des Disziplinarverfahrens ausgesprochen wird, so ist diese Maßnahme rechtswidrig. Sofern ein Beamter nach § 63 Abs. 1 BDG die Aussetzung der vorläufigen Dienstenthebung beantragt, so prüfen die Verwaltungsgerichte die formelle Rechtmäßigkeit der getroffenen Anordnungen. Die Entscheidung über die vorläufige Dienstenthebung und die Einbehaltung eines Teils der Dienstbezüge muss von der zuständigen Behörde nach Anhörung des Beamten erlassen werden. Mit Ausnahme des LDG BW ist dies in den Landesdisziplinargesetzen die für die Erhebung der Disziplinarklage zuständige Behörde. Als eine im Wesentlichen auf Sicherung gerichtete vorübergehende Maßnahme während des laufenden Disziplinarverfahrens sind we- der die vorläufige Dienstenthebung noch der Einbehalt von Bezügen von einer das behördliche Disziplinarverfahren abschließenden

386 www.WALHALLA.de Vorläufige Dienstenthebung und Einbehaltung von Bezügen – die vorläufige Maßnahme vielmehr konterkarierenden (vgl. § 39 Abs. 4 BDG) – Entscheidung abhängig, sondern können nach Einleitung des Disziplinarverfahrens grundsätzlich bei Vorliegen der Vo- raussetzungen jederzeit getroffen werden. Im Anwendungsbereich des BDG ist auf vor dem 01.04.2024 eingeleitete Disziplinarverfahren weiterhin das Bundesdisziplinargesetz in der bis zum 31.03.2024 geltenden Fassung anzuwenden (§ 85 Satz 1 BDG). In seiner zum 01.04.2024 gültigen Neufassung hat § 38 BDG eine Änderung erfahren. § 38 BDG Zulässigkeit (1) Die für den Erlass der Disziplinarverfügung zuständige Behörde kann einen Beamten gleichzeitig mit oder nach der Einleitung des Disziplinarverfahrens vorläufig des Dienstes entheben, wenn 1. im Disziplinarverfahren voraussichtlich die Entfernung aus dem Beamtenverhältnis oder die Aberkennung des Ruhegehalts erfolgen wird, 2. in einem wegen desselben Sachverhalts eingeleiteten Strafverfahren voraussichtlich eine Strafe verhängt wird, die den Verlust der Rechte als Beamter oder Ruhestandsbeamter zur Folge hat, 3. bei einem Beamten auf Probe oder einem Beamten auf Widerruf voraussichtlich eine Entlassung nach § 5 Absatz 3 Satz 2 dieses Gesetzes in Verbindung mit § 34 Absatz 1 Satz 1 Nummer 1 oder § 37 Absatz 1 Satz 1 des Bundesbeamtengesetzes erfolgen wird oder 4. durch sein Verbleiben im Dienst der Dienstbetrieb oder die Ermittlungen wesentlich beeinträchtigt würden und die vorläufige Dienstenthebung zu der Bedeutung der Sache und der zu erwartenden Disziplinarmaßnahme nicht außer Verhältnis steht. Spricht die Behörde die Entfernung aus dem Beamtenverhältnis oder die Entlassung aus oder wird der Beamte in einem wegen desselben Sachverhalts eingeleiteten Strafverfahren erstinstanzlich zu einer Strafe verurteilt, die den Verlust der Rechte als Beamter zur Folge hat, so ist der Beamte vorläufig des Dienstes zu entheben, es sei denn, dass die vorläufige Dienstenthebung eine unbillige Härte für den Beamten zur Folge hätte. […] § 38 Abs. 1 Satz 1 BDG entspricht dem § 38 Abs. 1 Satz 1 BDG a. F. § 38 Abs. 1 Nr. 3 BDG entspricht weitgehend der Vorschrift des § 38 Abs. 1 Satz 1 Halbs. 2 BDG a. F. § 38 Abs. 1 Nr. 4 BDG entspricht der Regelung des § 38 Abs. 1 Satz 2 BDG a. F. Somit ist die Vorschrift in § 38 Abs. 1 Nr. 2 sowie § 38 Abs. 1 Satz 2 BDG neu. Dogmatisch handelt es sich bei der vorläufigen Suspendierung um keine Disziplinarmaßnahme.559 559 OVG Lüneburg, 24.03.2006 – 18 B 545/06.

RkJQdWJsaXNoZXIy MTM5MDIz